Hilfe mein Vor-VorgesetzterWolfgangStuttgart, Deutschland - WirSindDu

ARBEIT + LEBEN

Hilfe mein Vor-Vorgesetzter

“Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen."

Guy de Maupassant

Es war an einem strahlenden Sommertag

eigentlich ein viel zu schöner Tag, um ins Büro zu gehen.  Ich machte mich dennoch gutgelaunt auf den Weg zur Arbeit, die mir nach mehr fast 30 Jahren immer noch Spaß macht. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass ich nette Kollegen und einen wunderbaren Chef habe, der immer für einen Spaß zu haben ist. Meistens steht die Türe zu seinem Büro offen, wie auch an diesem einen Tag.

Ich begann wie jeden Morgen

mich durch meine Flut von E-Mails durchzuwühlen, bevor ich beschloss, dass es an der Zeit wäre, mir den ersten Kaffee zu holen. Auf dem Weg in die Kaffeeküche muss ich stets am Büro meines Chefs vorbei. Ich grüßte freundlich zu ihm hinein und er bat mich ebenso freundlich, ihm doch bitte zwei Kaffee mitzubringen.

Natürlich bringe ich meinem Chef immer gerne einen Kaffee,

aber im Scherz tat ich so, als hätte ich ihn nicht richtig verstanden. Ich blickte ihn fragend an und hielt mir die Hand wie eine Muschel hinters Ohr. Vielleicht hätte ich stutzig sein sollen, dass er zwei Kaffee bestellt hat, anstatt nur einen für sich. Er grinste und bat mich kurz in sein Büro hinein.

Mein Schock muss mir ins Gesicht geschrieben gewesen sein,

denn auch der andere Herr grinste, der mit ihm im Büro saß. „Darf ich dir vorstellen: Mein Vorgesetzter und stellvertretender Geschäftsführer. Er wird die nächsten 18 Monate bei uns in der Niederlassung sein.“

Oh nein – das ist jetzt nicht wahr! Ich lief knallrot an und bekam kaum ein Wort heraus.

Der Vorgesetzte, ein älterer Herr, schien sehr amüsiert zu sein über meine Verlegenheit und setzte noch eins drauf. Er fasste sich langsam, fast genüsslich an sein Ohr, nahm sein Hörgerät heraus und reichte es mir:

„Probieren sie das mal, dann klappt es vielleicht besser mit der Kommunikation.“

Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Jetzt war ich nicht nur tomatenrot im Gesicht, mir war auch noch schlecht, und ich weiß nicht einmal mehr, was ich erwidert habe, sicherlich war es nicht besonders geistreich.

Ich beeilte mich jedenfalls, zwei Kaffe zu besorgen und versuchte mich anschließend auf meine Arbeit zu konzentrieren. Aber es war aussichtslos, meine Gedanken kreisten ständig nur um diese unfassbar peinlich Situation und welche Folgen es wohl haben könnte. Nachdem ich gefühlt fünf Stunden lang nicht Produktives zustande gebracht hatte, stand er auf einmal vor meiner Tür. Mir brach schon wieder der Schweiß aus und ich befürchtete das Schlimmste.

„Darf ich mich kurz setzen?“ fragte er.

Ich versuchte, meiner Stimme nicht anmerken zu lassen, dass ich kurz vor einem Nervenzusammenbruch war. „Aber selbstverständlich“ erwiderte ich und deutete auf einen freien Stuhl. Natürlich war ihm meine Gemütslage nicht entgangen und er hatte schon wieder dieses Grinsen im Gesicht.

Dann begann er mit ein bisschen Smalltalk und erzählte von sich und seiner Person. So langsam löste ich mich aus meiner Schockstarre, dieser ominöse Vorgesetzte schien ja tatsächlich auch nur ein Mensch zu sein.

 

Jetzt fing er an, auf die Szene von heute morgen einzugehen.

Er versicherte mir, dass er es sehr schätzen würde, dass bei uns ein so lockeres und angenehmes Betriebsklima herrsche, sodass man sich selbst mit dem Chef einen kleinen Scherz erlauben könne. Unendlich erleichtert, wenngleich noch etwas ungläubig blickte ich dem Chef meines Chefs ins Gesicht. Seinen Namen hatte ich mir natürlich auch nicht gemerkt. Er bemerkte ganz sicher auch meine nachlassende Anspannung und sprach weiter:

„Das Leben ist ernst genug. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einer positiven Grundeinstellung macht die Arbeit doch auch viel mehr Spaß, oder?“

Was konnte ich da noch sagen, ich lächelte zurück und dankte ihm.

Die folgenden 18 Monate wurden für mich eine wunderbare Zeit. Ich ging jeden Tag gerne zur Arbeit, es entstand eine tolle Zusammenarbeit mit meinen beiden Chefs und noch nie wurde ich von höherer Ebene so oft um Rat gefragt. Im Laufe der Zeit entwickelte sich sogar ein freundschaftliches Verhältnis, sodass wir uns noch heute trotz der weiten Entfernung gelegentlich in der Mitte treffen.

Seit diesem Erlebnis lasse ich mich nicht mehr so leicht einschüchtern, nur weil jemand Rang und Namen hat.

Ich verbiege oder verstelle mich nicht, nur weil mein Gegenüber auf einem höheren Ross sitzt als ich. Erst wenn ich jemand kennengelernt habe, kann ich ihn einschätzen und beurteilen.

Wolfgang S.

Wolfgang S.

Newsletter Anmeldung

Entdecke die Macht von Storytelling mit dem WirSindDu Newsletter.

Lerne von unsere Erfahrungen!

Erhalte jetzt kostenlos die wichtigsten Storytelling mit Purpose, Tipps und Anleitungen.

Chat List

No Chat Available