Perlmutt JenOregon, USA - WirSindDu

Perlmutt

Meine Mutter ist an Demenz erkrankt.

In den letzten drei Jahren lebte sie in einer sicheren Gedächtnispflegeeinrichtung in unserer Umgebung. Diese Woche hat sie endlich ihre erste Covid-Impfung erhalten. Im letzten Jahr wurde viel darüber geredet, wie man dem Leben von Menschen wie ihr einen Wert zuschreibt, deshalb möchte ich euch eine Geschichte über die Halskette erzählen, die sie auf diesem Foto trägt.

Aufgrund von Covid-Beschränkungen

konnte ich sie seit vielen Monaten nicht mehr persönlich besuchen, aber wir haben jede Woche face-timed. Kurz vor ihrem letzten Geburtstag habe ich sie gefragt, was sie sich für Geschenke wünscht. Die Frage war eine reine Konversationsfrage, da sie schon lange nicht mehr in der Lage war, solche Dinge substanziell zu beantworten. Aber dieses Mal erklärte sie, ohne zu zögern: “Eine Perlenkette!”

Und sie hörte damit nicht auf.

Sie beschrieb genau die Länge, den Stil und die Qualität der Kette in präzisen Details. Ich hatte meinen Laufzettel! Nachdem ich mich beim Personal erkundigt hatte, um sicherzugehen, dass es keine Einschränkungen für Schmuckgeschenke gab, suchte ich und fand einen Strang, der perfekt auf ihre Beschreibung passte. Ich hatte nicht erwartet, dass sie sich daran erinnern würde, mich darum gebeten zu haben, aber die Details waren während unseres Gesprächs eine so kristallisierte Realität in ihrem Kopf, dass ich das Gefühl hatte, sie würde trotzdem darauf reagieren.

Ich organisierte einen "Fensterbesuch" für ihren Geburtstag,

stand vor ihrem Schlafzimmer, trug eine Maske und sprach mit ihr durch den Bildschirm, während eine Pflegerin freundlicherweise meine Geschenke hereinbrachte, wartete, während sie das Schmuckkästchen öffnete und die Perlenkette um ihren Hals band. Sie war überglücklich. Sie strahlte. Sie erklärte sie zur perfekten Länge und wir sprachen darüber, wie gut sich Perlen auf der Haut anfühlen, wie sie zu jedem Outfit passen.

Gerade dann, ohne Vorrede,

begann sie mit einer perfekten Sopraninterpretation von “Full Fathom Five Thy Father Lies”, Ariels Lied aus Shakespeares “Der Sturm”, und eine von vielen Chornummern, die sie als Kind in England in der Schule gelernt hat.

Voll Faden fünf dein Vater liegt
Aus Beinen ist Koralle,
Aus Augenlicht die Perlen:
Alles bleibt und schwindet nicht
Sondern Seegang erleidet
Umgewandelt reich und fremd.
Stündlich läutet Seegesang:
Bimbam
Horch! Jetzt hör' ich ihn -- bimbam bim.

Sie sang es zweimal durch, makellos.

Die Perlen waren der Auslöser für den Vers “Aus Augenlicht die Perlen” und den Rest kam aus den tiefsten Tiefen ihres Geistes hervor. Dort wo ein ganzes Leben lang, Versen und Gedichtlesungen still aber perfekt konserviert lagen und nur darauf warteten an Tageslicht zu erscheinen.

Unser Gespräch verlagerte sich dann auf die Kunst

By Johannes Vermeer - kQFMVJh6zAXoxQ at Google Cultural Institute, zoom level maximum, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=13353729

und wir sprachen über Vermeers “Frau mit der Perlenkette”. Sie stellte sich einfach so hin und beklagte sich, dass sie heute nicht ihr gelbes und hermelinbesetztes Gewand anhatte.

Sie posierte für dieses Foto,

das durch das Fensterglas aufgenommen wurde, während die Hauskatze am Fußende ihres Bettes kuschelte und darauf wartete, dass Ihr Liebling, wieder frei war, um ihn zu streicheln. Sie lebt nur noch im Moment, die biografische Kontinuität ihres reichen Lebens ist längst vorbei.

Aber... so vieles bleibt.

Bibliotheken der Kunst, der Musik, der Literatur, des Tanzes und der Weltkultur hausen hinter verschlossenen Türen, aber die Schlüssel gibt es in allen Formen und Größen, helles Licht scheint durch die Schlüssellöcher, um die Dunkelheit zu durchdringen. Ich weiß, dass es ihr großen Trost und Selbstvertrauen gibt, ihr enormes Wissen zu demonstrieren, und es bringt den meisten Anwesenden Freude, wenn sie etwas vorträgt.

Manche Menschen - mehr als ich je vermutet habe

wie ich mit Entsetzen feststellte – halten ihr Leben nicht für lebenswert. Sie urteilen, dass ihr versagender, unzuverlässiger Verstand es nicht wert ist, ein kostbares medizinisches Wunder zu verschwenden.

Ich bin da anderer Meinung.

Nicht, weil ich an ihr hänge oder nicht bereit bin, sie gehen zu lassen – diese Entscheidung ist getroffen, denn Alzheimer ist ein langer Abschied -, sondern weil so viel von ihr noch da ist. Sie lebt in vielen freudigen Momenten. Sie bringt Humor, Intelligenz und Lebendigkeit in das Leben aller, die ihr begegnen. Sie ist ihr ganzes Selbst.

Sie ist eine Frau mit einem Strang von Perlen.

Perlen, die eine Vielzahl von Erinnerungen und Trost enthalten. Ihr Glanz mag verborgen sein, aber sie enthüllt ihren sanften Glanz auf reizender Weise jeden Tag.

Früher war sie eine große Geschichtenerzählerin,

die es genoss, all die spektakulären Momente in ihrem Leben mit dramatischem Flair zu erzählen. Jetzt ist es meine Aufgabe, ihre Geschichten zu erzählen und dies ist eine von ihnen. 

Jen Phillips

Ich bin Wissenschaftlerin aus Oregon, USA. Diese Geschichte ist als ein Twitter-Thread entstanden.
Der Nachkredit für meine Profilillustration geht an Ethan Kocak.

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