Nichts ist unglaubwürdiger als die Wahrheit. Dieter Trimbach Schweiz - WirSindDu

LEBEN

Nichts ist unglaubwürdiger als die Wahrheit.

Da gab es einmal einen jungen Schweizer, geboren 1962 in der tiefsten Provinz.

Kindheit und Jugend verliefen in einem für unsere Gegend üblichen Rahmen. Untere Mittelklasse, Vater angestellt als Maler, die Mutter war Hausfrau. Ich hatte mich erfolglos am Abitur (Matur in der Schweiz) versucht. Meine fehlende Reife und übergroße Schüchternheit mit 15 waren da wenig hilfreich, und ich würde meinen Traumberuf Meteorologe fortan als lebenslängliches Hobby pflegen.

Stattdessen wurde ein Chemielaborant aus mir.

Der Vater war zufrieden, ein Berufsmann mit Lehrabschluss war ihm lieber als ein”studierter Schnösel”. Vor dem Berufsleben kam ich jedoch mit 20 noch in den Genuss, den obligaten Schweizer Militärdienst zu leisten.

Es folgten sieben Jahre mit drei gutbezahlten Stellen in der Chemie, und 3 USA-Reisen; eine davon dauerte volle acht Monate. Ansonsten war ich der große Junge, der sich weigerte, erwachsen werden zu wollen, lebte bei den Eltern und gab ein geringes Kostgeld ab. Meine Freizeit verging mit dem Lesen der “Perry Rhodan” Heftromanreihe (Kennt den eigentlich noch jemand?) und der Winnetou Trilogie. Ich träumte von abenteuerlichen Reisen auf fremde Planeten – oder wenigstens in den Wilden Westen!

Mit 25 war ich auf dem besten Weg zu werden, was die Amerikaner “Drifter” nennen, einen haltlosen Streuner ohne Ziele und Träume.

Am meisten Freude machten mir meine Wüstentouren nach Nordamerika, da kannte ich bald den letzten trockenen Winkel und hatte überdies angefangen, den Kakteen, welche ich seit dem dreizehnten Lebensjahr sammelte, an den Standorten nachzuforschen. Acht Monate durch den Wilden Westen, hinunter bis an die Südspitze von Baja California und rüber nach Texas, dann hoch bis nach Oregon und Idaho. Ich hatte begonnen, meine Einsamkeit zu zelebrieren, statt immerfort zu beklagen.

Grund genug, es mit 27 nochmal zu versuchen, die Wüstenareale im nördlichen Mexiko warteten noch immer auf meinen Besuch. Eine kürzere Version der großen USA Wüstenexpedition. Nur sechs Wochen – aber den schüchternen Jungen, den Einzelgänger und im nüchternen Zustand passionierten Schweiger – den gab es danach nicht mehr.

Junger Schweizer in Mexiko zu Tode geküsst!

die Schlagzeile ging wohl ob der sich abzeichnenden Wirren an der Berliner Mauer ein wenig unter.

Ich kannte sie grad mal 3 Wochen – plus das Wochenende beim ersten Treffen und aus ein paar Luftpostbriefen und ein paar Anrufen in den 10 Monaten Trennung.

Aber ich ahnte schon in den ersten Stunden – sie ist eine ganz besondere junge Frau!
Als ich dann erkannte, dass sie sich verliebt hatte da spürte ich einfach die Notwendigkeit, auf sie aufzupassen, damit ihr nichts geschehen würde.

Ohne diesen gänzlich unerwarteten, ja unwirklichen Zwischenfall wären die ganzen nachfolgenden Entwicklungen nicht denkbar gewesen.

Zu erfahren, dass es für mich keinen Grund gab, gegenüber Frauen schüchtern zu sein, dass ich im Leben einen Platz hatte und in diesem neuen Leben auch die Liebe ihren Platz habe würde – das war ungemein befreiend gewesen. Ich war in der Tat wie neu geboren. Zuvor hätte ich mich niemals getraut, dieses andere Mädchen auch nur anzusehen – aber jetzt wollte ich sie verführen!

Und sie hat nicht nein gesagt!

Wir hatten damals nach den drei Wochen und ja, dem Ersten Mal – für mich das allererste Mal – verkündet, dass wir heiraten wollten – und haben das auch durchgezogen.
Sechs Wochen sollte der Urlaub in ihrer Heimatstadt dauern, in der letzten Woche waren wir auf dem Standesamt gewesen.

Tags zuvor hatte ich diesen Plan noch meinen Eltern gebeichtet und dass sie mit mir zurückkommen würde. Sie konnten natürlich nicht dabei sein. Von El Paso in Texas nach Zürich fliegt man 14 Stunden. Die Tatsache, dass wir dann in Mexiko leben würden hat dann allerdings nichts mit Liebe, sondern mit Abenteuerlust zu tun gehabt.

Noch viel verrückter als das war jedoch die Tatsache, dass SIE da mitgemacht hatte. Aber was macht man nicht alles aus Liebe?!?

Seit jenem Tag, dem 6. Mai 1989, sind wir im Grunde zusammen, offiziell erst seit dem 11. April 1990, unserem Hochzeitstag. Da war die Entscheidung schon gefallen, dass ich nach Mexiko übersiedeln würde, nach Ciudad Juarez. 21 Jahre lang Achterbahn fahren, vielleicht ein bisschen Wildwest mit modernem Komfort im Tal der Gesetzlosen – ein bisschen wie Robinson Crusoe haben wir aus dem Nichts eine Wohlfühloase für uns und unsere drei Töchter erarbeitet. Diese 21 Jahre beschreiben zu wollen – es würde eine Telenovela draus, aber eine Geschichte ist nur dann gut, wenn sie plausibel ist – und oft ist leider nichts unglaubwürdiger als die Wahrheit.

Wie dem auch sei, wir beide hatten uns in dieser Zeit vom Leben herzhaft bedienen lassen,

mit Nachschlag und Dessert und allem Drum und Dran – als ob wir nur zu gut wüssten – es würden andere Zeiten kommen. Die vier Jahre Drogenkrieg hätten nicht sein müssen, aber diese prägende Erfahrung zeigte uns allen, dass materielles Glück ohne eigene Schuld ins Nichts geweht werden kann, wie weiland dem alten Hiob aus der Bibel. Da hilft auch alles Beten nichts, der Herr hat’s gegeben, der Herr nimmt es wieder fort.

Seit Ende April 2011 bin ich wieder zurück an meinem Geburtsort,

was ich bis auf den heutigen Tag noch immer nicht ganz verwinden kann. Vieles ist vertraut geblieben, aber es ist eine fremde Welt. Verschwunden die alten Freunde, beide Eltern tot, die Geschwister haben andere Wirklichkeiten gelebt. Geblieben ist meine Lebens-Komplizin und unsere drei Töchter. Wir haben uns hier in der Schweiz eine kleine mexikanische Wohlfühloase eingerichtet, auf dem Balkon gibt es ein winziges Abbild der Sonora-Wüste und der Chihuahua-Wüste und fast dieselben Pflanzen, die wir in Ciudad Juarez im Garten hatten.

Nach 31 gemeinsamen Jahren, wo wir zusammen und immer guten Mutes alles was im Wege stand bewältigt hatten, kam der Schlussakkord.

Es will das Licht des Tages scheiden;
Nun bricht die stille Nacht herein.
Ach, könnte doch des Herzens Leiden
So, wie der Tag vergangen sein!

Ich leg’ mein Flehen dir zu Füßen;
O, trag’s empor zu Gottes Thron,
Und laß, Madonna, laß dich grüßen
Mit des Gebetes frommem Ton:
Ave, ave Maria!

Es will das Licht des Lebens scheiden;
Nun bricht des Todes Nacht herein.
Die Seele will die Schwingen breiten;
Es muß, es muß gestorben sein.

Madonna, ach, in deine Hände
Leg' ich mein letztes, heißes Fleh’n:
Erbitte mir ein gläubig Ende
Und dann ein selig Aufersteh’n!
Ave, ave Maria!

Karl May

Am frühen Morgen des dritten März 2021

mit dem allerersten Licht des Tages hat sich meine treue Gefährtin auf dem Weg zwischen den Welten auf ihre letzte Fahrt aufgemacht, hinein in diese andere Welt, deren Existenz ich erahnen durfte am Vorabend unseres Zusammenfindens.

Still und leise hat sie sich davongemacht, um mich nicht aufzuschrecken hatte sie den Moment abgewartet, als ich ob dem Lauschen auf ihre flacher werdenden Atemzüge kurz eingenickt war. Unerwartet schnell in letzter Konsequenz – noch am Samstagmorgen hatte sie munter gefrühstückt, am Mittag ließ sie ein scharfer Bauchschmerz wieder alles erbrechen, abends konnte sie grad noch mit dem Bruder telefonieren, bevor sie diesmal endgültig wegdämmerte. Sonntags hörte sie auf zu trinken, am Dienstagmorgen teilte man uns mit, es sei eine Frage von Tagen.

An jenem Abend, ich war mit dem Hund draußen,

da hatte sich unbemerkt eine Staub-und Wolkenschicht herangeschoben, welche mir die Sicht auf den Orion genommen hatte, das Sternbild, das eine tragende Rolle bei unserem ersten Treffen gespielt hatte. Es so unverhofft trotz guter Vorhersage nicht mehr zu sehen hatte mich seltsam berührt, aber eine Lücke im Gewölk ließ die Konstellation kurz durchschimmern.

Es würde unsere letzte Nacht werden.

Ich hatte damals in Bahia Kino gesehen, wie sie sich vor meinen Augen verliebt hatte und war ungemein davon berührt worden, ich erahnte für einen winzigen Augenblick, dass ich von nun an auf sie achtgeben müsste, damit ihr nichts passiert. Daran erinnerte ich mich, als ich sie bei der Rückkehr unruhig und mit Atemnot antraf. Unter den sanften Klängen von “El Muchacho de los Ojos tristes” zählte ich ihr die Morphintropfen ab und flößte sie ihr ein, schrieb alles ins Journal ein wie instruiert, dann 5 Tropfen Haldol gegen 23:00, bis ihre Atemzüge ruhiger wurden. Ein letztes Mal umlagern, ein geflüstertes “Hab keine Angst, es wird Dir nichts passieren” sowie ein “Geh noch nicht fort” ins Ohr und ich nahm Platz an ihrer Seite für die Nacht.

Als ich sie dann kurz nach halb fünf sah, da ahnte ich bereits, was ich um 5 Uhr dann den Töchtern sagte

und von der Hausärztin um sieben bestätigt bekommen habe. Sie war gegangen. In aller Stille. In derselben Position, in der ich sie hingelegt hatte.

Noch war Zeit, sie schön gerade hinzulegen, der Bestatter kam zur Mittagszeit um das, was sie uns zurückgelassen hatte abzuholen.

Die letzten 5 Wochen unserer gemeinsamen Zeit hier auf Erden wäre ohne diese tiefe Verbundenheit und seelische Gleichgestimmtheit nicht denkbar gewesen. Ich wusste, dass ich für alle Mühsal, Angst und Tränen nichts von ihr erwarten konnte als ihre Liebe, ihre Liebe für mich die bei mir nie in geringstem Zweifel gestanden ist und alles möglich macht.

Wie es jetzt weitergeht wird Gott mir weisen,
wie damals an jenem Ort.
Ja, ich mag diesen Spruch über mich selbst!
Ja, das trifft es ziemlich gut!

Dieter Neth

Trimbach, Schweiz

Newsletter Anmeldung

Entdecke die Macht von Storytelling mit dem WirSindDu Newsletter.

Lerne von unsere Erfahrungen!

Erhalte jetzt kostenlos die wichtigsten Storytelling mit Purpose, Tipps und Anleitungen.

Chat List

No Chat Available