Sprengstoffindustrie- eine ganz eigene WeltLenDüsseldorf, Deutschland - WirSindDu

ARBEIT + LEBEN

Sprengstoffindustrie- eine ganz eigene Welt

Als ich gegen Ende der 90er Jahre die Möglichkeit erhielt,

meine Diplomarbeit in der Sprengstoffindustrie anzufertigen, war meine Vorfreude groß. Hatte ich nicht schon während meiner Jugend häufiger die Aufsichtspflicht meiner Eltern arg strapaziert, um mit eigenen pyrotechnischen Mischungen dem Forscherdrang nachzugeben?

Wissenschaftliche Neugierde und Freude am feurigen Effekt

waren damals meine Motivation, mein Schutzengel leistete glücklicherweise gute Arbeit. Während andere Kinder voller Vorfreude auf Heiligabend warteten, konnte ich den 28. Dezember kaum erwarten: Der erste Tag, an dem Silvesterfeuerwerk legal verkauft werden darf. Irgendwann folgten selbstgebaute Raketen, bengalische Lichter, etc. Während andere Jugendliche die Bravo lasen, fesselten mich Chemiebücher, alte Rezepturen, Raketenmotoren… In der Oberstufe belegte ich folglich den Chemie-Leistungskurs, wo ich auf Gleichgesinnte traf: Unsere außerschulischen Experimente gipfelten in der Sprengung eines Verkehrsschildes, was uns damals viel Ärger und beinahe einen Schulverweises einbrachte. Um unser Abitur nicht zu gefährden, zügelten wir unsere wissenschaftliche Neugier und stellten die Experimente erst einmal ein.

Und jetzt, direkt nach meinem Studium,

durfte ich also offiziell, akademisch und legal in diesem Metier arbeiten. Nach erfolgreichem Abschluss meiner Diplomarbeit wurde mir gar vom damals führenden deutschen Konzern dieser Branche, dessen Gründung noch auf den großen Alfred Nobel zurückging, eine Festanstellung angeboten. Obendrein der Forschung und Entwicklung, samt Teilnahme am recht exklusiven Trainee-Programm.  Wurde mir also das seltene Glück zuteil, das Hobby zum Beruf zu machen? Voller Andacht ging ich durch die Laboratorien, begeisterte mich an den hochexplosiven Chemikalien und fühlte mich tatsächlich ein wenig wie Alfred Nobel kurz vor der Erfindung des Dynamits.

Ein Sprengstoffwerk strahlt eine trügerische Idylle aus.

Kleine Produktionsanlagen und Lager, umgeben von Schutzwällen und alten Bäumen.  Große Abstände zwischen  allen Gebäuden, eingebettet in idyllischer Heidelandschaft. Arbeiter und Sprengstoffträger bewegten sich langsam auf den Wegen, jegliche Hektik war verboten.  Diese Idylle war Teil eines zwingenden Sicherheitskonzepts, dem Umgang mit potentiell tödlichen  Substanzen geschuldet.

Sehr gut erinnere ich mich an meine erste Begegnung

mit unserem damaligen Laborleiter, seine rechte Hand war eine schaurige schwarze Prothese, Folge einer durch Elektrostatik ausgelösten Detonation von 10 g Sprengstoff. Bald schon erlebte ich die ersten Unfälle im Kreise unserer gewerblichen Mitarbeiter, ein Chemikant erlitt Verbrennungen nach einer Verpuffung, erneut abgesprengte Finger nach einer Detonation durch Elektrostatik. Mein Unwohlsein stieg, daran änderte auch das Tragen von leitfähigem Schuhwerk und das ständige Messen meines elektrischen Widerstandes nichts. Zum ersten Mal verspürte ich ein Unwohlsein, ja sogar Angst beim Umgang mit explosiven Materialien.

Während manche Unternehmen in langen Auswahlprozessen

ihre neuen gewerblichen Angestellten aussuchen, wurde den potentiellen Mitarbeitern des Sprengstoffbetriebs die Detonation von 20 g einer Substanz vorgeführt, welche  pro Schicht in Mengen von über 1000 kg hergestellt wurde. Die beeindruckende Detonation reduzierte das Bewerberfeld beträchtlich, die Unbeeindruckten erhielten in der Regel einen Anstellungsvertrag.

Zu Beginn meiner Tätigkeit arbeitete ich hauptsächlich an Explosivstoffen

für die Erdölförderung, an Komponenten für pyrotechnische Gurtstraffer und Airbags. Im Rahmen einer radikalen Umstrukturierung des Konzerns samt Betriebsübergang wurde ich jedoch der Abteilung Wehrtechnik zugeteilt. Explosive Substanzen könne im Feuerwerk das Auge erfreuen, im Airbag Menschenleben retten, im Bergbau Rohstoffe fördern und -in der Wehrtechnik töten. Dieser letzte Aspekt bereitete mir noch viel mehr Bauchschmerzen als die unmittelbare Gefahr, die beim Handling von explosiven Stoffen ausgeht. Hier wurde mein Bauchgefühl allmählich unerträglich und besiegelte schließlich nach ca. 3,5 Jahren meinen Wechsel in ein neues Betätigungsfeld am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Wie kann es also sein,

dass sich ein vermeintlicher Traumjob allmählich zum Alptraum entwickelt? Ich denke, dass man trotz aller Begeisterung für eine Thematik, trotz ungestümen Forschergeists, seinen inneren Wertekompassniemals ignorieren darf. Daher habe ich begriffen, auch in beruflichen Dingen, trotz aller Professionalität und Rationalität, niemals entgegen meinem Bauchgefühl zu handeln.

 

Und meine Freude an der Pyrotechnik?

Diese habe ich nicht verloren, mit einem entsprechenden Erlaubnisschein kann ich heute ganz legal diesem Hobby nachgehen und zu Silvester viele Zuschauer mit meinen Feuerwerken erfreuen. Ganz ohne Gewissenbisse.

Sollte man also sein Hobby zum Beruf machen? Nicht unbedingt, weil die Leichtigkeit des Hobbys im beruflichen Umfeld recht schnell verloren gehen kann….

Len

Düsseldorf, Deutschland

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