Verpasste KarriereSindelfingen, Deutschland - WirSindDu

ARBEIT + LEBEN

Verpasste Karriere

Es ist nicht schwer Entscheidungen zu treffen, wenn du deine Werte kennst.

Roy E. Disney

Was ist wichtiger Mensch oder Profit?

Nach 25 Jahren als Ingenieur bei einem großen namenhaften Automobilhersteller kam eines Tages die Gelegenheit mich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Es ist wie immer im Leben, die Kirschen in Nachbars Garten schmecken immer etwas süßer.
Als langjährigen Angestellter wollte ich raus aus dem alltäglichen Trott.
Diese Chance wurde mir in Form einer Werkleiterposition in einem mittelständischen US- Familienunternehmen für den Aufbau eines Europastandorts auf der grünen Wiese angeboten. Dazu sollte ich Deutschland verlassen und nach Osteuropa umziehen.
Die ersten Verhandlungen mit der Geschäftsführung liefen erfolgreich telefonisch ab und ich war bereit das Gewohnte aufzugeben und mich auf eine unbekannte Herausforderung einzulassen.

Als ersten Schritt flog ich nach USA

zu der Firmenzentrale, um die gesamte Familie hinter der Firma kennenzulernen. Auch die dortigen Werke in USA und Mexico durfte ich besuchen und habe mir einen Eindruck über den Zustand und Philosophie der Firma gemacht. Alles lief super gut und gleich danach kam für mich überraschend die Entscheidung, mir die Position als Vize Präsident anzubieten. Das war praktisch die dritte Position nach dem zwei Eigentümern, damit wurde ich über Nacht ein Teil des „Inner Circle‘s“. Die Aufgaben wurden natürlich auf der globalen Ebene erweitert. Kaum zurück nach Deutschland, wartete der Vertrag mit einem hohen 6-stelligen Jahresgehalt und den dazugehörigen Nebenleistungen auf meine Unterschrift.

Doch ich zögerte.

Mein Verstand sagte ja, mein Bauchgefühl rebellierte und nicht, weil ich der neuen Aufgaben nicht gewachsen war. Es war etwas Undefiniertes, ein nicht greifbares Gefühl, das ich wahrgenommen habe. Zufälligerweise musste ich für eine Woche in das gleiche osteuropäische Land, in einer anderen Angelegenheit reisen. Dabei kam mir die Idee 2-3 Tage davon zu nutzen, um eine Besichtigung auf der grünen Wiese am Standort zu ermöglichen.
Gesagt getan und ich begab mich vor Ort mit drei weiteren kurzfristig eingeflogenen Amerikanern.
Bei meiner Ankunft in der Großstadt, die nur ca. 30 km vom meinem zukünftigen Arbeitsplatz entfernt war, besichtigte ich eine wunderschöne Penthouse-Wohnung.
Am zweiten Tag fuhren wir zur grünen Wiese die bei einer Kleinstadt lag. Der erste Eindruck bei der Einfahrt war für mich ein Schock: überall zerstörte Häuser, riesige Geländeabschnitte voller Bauschutt und Müllhalden. Die Bevölkerungsmehrheit waren Angehörige der Sinti und Roma-Volksgruppe. Ok, sagte ich mir, es kann nur besser werden. Über die provisorisch eingerichtete lehmige Zufahrtstrasse fuhren wir direkt eine kleine neugebaute Halle an.
Das Gelände war eine ehemalige landwirtschaftliche Fläche, die als nicht erschlossenes Gewerbegebiet unserer Firma angeboten wurde. Neben den fehlenden Strom- und Wasseranschlüssen war die komplette Fläche mit Kies zugeschüttet, der gesamte Humus abgetragen. Ich erahnte zu diesem Zeitpunkt nicht, welche wichtige Rolle diese Beobachtung hatte.

Abends im Hotel konnte ich das Abendessen nicht so richtig genießen,

meine unguten Gefühle verstärkten sich von Minute zu Minute. Kaum im Zimmer fing ich im Internet an, zu recherchieren. Es dauerte lange bis ich auf den richtigen Pfad kam, aber dafür kamen nur schockierende Erkenntnisse an die Oberfläche. Von Schlaf war keine Rede mehr.

Die Kleinstadt war vergiftet mit Lindan und Quecksilber

und den Insidern und den Politikern bekannt als Hiroshima des Landes. Der Grund lag in der Vergangenheit, als dort ein riesiges Chemiekombinat nach dem Fall des Eisernen Tores geschlossen wurde und dieses an einem ausländischen Investor für einen Euro veräußert wurde. Der hatte natürlich nicht vor, das Chemiewerk weiter zu betreiben und sich nur bereichert indem er die damalige politische Situation ausnutzte und das gesamte Kombinat von der einheimischen Bevölkerung per Hammer und Meißel abbauen lies. Durch ein Missgeschick sind dabei Tonnen an Quecksilber in den Boden und in einen nahgelegenen Fluss abgeflossen und die ganze Stadt wurde über Jahrzehnte kontaminiert.
Das war noch nicht alles, die ganzen landwirtschaftlichen Flächen der Stadt wurden schon zu Zeiten des Chemiekombinats als Entsorgungsmöglichkeit für Lindan-Produktionsrückständen genutzt. Alles geschah immer bei Nacht und Nebel ohne jegliche Dokumentation der Standorte, deswegen werden immer wieder solche Stellen zufällig heute noch entdeckt. Die jetzt bekannten Stellen, sind aus Geldmangel nicht dekontaminiert worden und das geht zu Lasten der Gesundheit der dortigen Bevölkerung.

Jetzt konnte ich mir auch den Kies auf unserem Firmengelände erklären

und auch den Standort bestimmen – wir waren nur ca. 500m von ehemaligem Kombinat entfernt, also in unmittelbaren Wirkungsbereich der Kontaminationen. Aufgerüttelt von diesen Erkenntnissen startete ich am nächsten Tag eine Recherche, die sich über vertrauliche Informationen aus der Hauptstadt (Umweltministerium), Treffen mit den Direktoren der noch wenigen übrig gebliebenen Firmen vor Ort bis hin zum Abendessen bei einer unbekannten Familie ausweiteten.
Das gute Abendessen bei der Familie konnte meine Verbitterung und Enttäuschung nicht ausgleichen, auch weil mir dabei der letzte Hoffnungsschimmer genommen wurde. Der Familienvater, als ehemaliger Mitarbeiter des Kombinats und einer der letzten Überlebenden, hatte seiner Aussage nach den Teufel zweimal wegjagen können und sowohl Schilddrüsen- als auch Darmkrebs überwunden. Sein Bruder hatte nicht soviel Glück und starb laut Ärztebericht an einer Quecksilberkontamination.

Mehr konnte ich nicht mehr verkraften

und informierte daraufhin den Präsidenten der Firma und bat um zwei Wochen Aufschub, um einen neuen Standort für die Firma zu finden. Am letzten Tag meiner Reise habe ich dies noch eingeleitet und daraufhin kamen tatsächlich mehrere Alternativangebote, alle nur ein bisschen teurer als das fatale Gelände, dafür aber voll erschlossen und ohne Risiken. Die Überraschung war groß als alle Vorschläge von der Geschäftsleitung abgelehnt wurden, in erster Linie aufgrund finanzieller Aspekten und zweitens mit der Aussage dass meine tiefgreifenden Recherchen zwar eine gewisse Bestürzung ausgelöst haben, aber kein Grund seien den Standort aufzugeben. Seit Monaten haben Sie davon gewusst, aber als nicht relevant eingestuft.

Jetzt wurde mir klar,

wie kaltblütig die Firmeninhaber gehandelt hatten. Sollte ich für diesen Standort der Sündenbock sein und den ca. 400 unwissende Menschen durch die angebotenen Arbeitsplätze ihre Gesundheit aufs Spiel setzen? Sollte ich meine Gesundheit auch auf’s Spiel setzen? Nein und nochmal nein! Profit kann nicht alles sein.
Später kam eine E-Mail aus USA mit der offiziellen Kündigung meines Postens als Vize-Präsident, obwohl meine Unterschrift auf den Vertrag fehlte! Begründung: es kann niemand gescheiter in der Firma sein, als der Präsident selbst.
Mein Abenteuer endet hier und ich bin froh weiter als Ingenieur mit normalem Gehalt und Verantwortung tätig zu sein….bis nächstes Mal!

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