Wir müssen nach Algerien.ChristianStuttgart, Deutschland - WirSindDu

FREIZEIT + LEBEN

Wir müssen nach Algerien

“Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen."

Guy de Maupassant

Wir wollten noch schnell ein Bad nehmen.

Im Meer. Das irgendwo am Horizont in der Sonne schimmerte. Wir, das waren Franky, Ben und ich, unterwegs auf der Fähre nach Nordafrika kennengelernt, jeder mit seinem Auto. Die ersten Hürden hatten wir schon gemeinsam genommen; die Einreise mit unseren schrottreifen Kisten nach Tunesien, mit selbstgebastelten Kennzeichen und ohne Versicherung. Wir fuhren also in flottem Tempo auf der Hauptroute entlang der Küste auf Gabes zu. Nach Süden, unserer bevorzugten Reiserichtung für die nächsten Wochen. Nach links, Richtung Osten, erstreckte sich in weitem Bogen das flache Küstenvorland. Braches Gelände mit vereinzelten Ginsterbüschen und salzliebenden Binsen. Die Bucht von Gabes ließ sich dahinter nur erahnen.

Endlich fand ich auch einen vielversprechenden Einstich

von der Straße auf das unbefestigte Gelände. Endlich flogen die ersehnten Staubfontänen, die uns so lange begleiten sollten. Der Wagen schoss mit 80 km/h über das Terrain, der Mindestgeschwindigkeit für derartigen Untergrund. Franky und Ben kapierten ziemlich schnell, warum ich nichts dagegen hatte, vorzufahren und weiter, dass man am besten seitlich versetzt hinter einander fährt, um keinen Sand zu fressen.

Mein Hochgefühl endete abrupt

Ohne es zu bemerken, war ich im Gezeitenbereich gelandet. Vom Meer noch keine Spur, aber der feuchte Sand schmatzte an den Reifen und zog unerbittlich an der Geschwindigkeit. Aus dem Fenster fuchtelnd signalisierte ich den anderen, anhalten, zurückbleiben! In weitem Bogen versuchte ich eine Kehrtwende hinzubekommen. Das Verreißen des Steuers hätte zum sofortigen Stillstand geführt. Allein, nach 100 Metern war Schluss. Franky strandete ebenso. Ben blieb auf festem Grund. Gut, zwar früher als erwartet, aber dann lass uns die Sandschaufeln auspacken. Franky meint, toll, dann kann ich ja gleich meinen Airjack ausprobieren, einen Gummiballon, der durch Auspuffgase aufgepumpt wird. Gesagt, getan, der Wagen kippelt auf dem bedrohlich anwachsenden Ballon aus dem Sand, erledigt.

Gemeinsam wandten wir uns meinem Wagen zu: Schau mal, was kommt denn da?

Die Flut kam in Marschgeschwindigkeit auf uns zu, hatte schon den Wagen erreicht, an Airjack war nicht mehr zu denken. Die beiden schaufelten um die Wette, versuchten Holzbretter unter die Räder zu klemmen, während ich im Wagen saß und mit laufendem Motor versuchte, das Wasser am Eindringen in den Auspuff zu hindern. Vergebens, irgendwann erstarb der Motor, als die Lichtmaschine Wasser quirlte. Wie lange dauert die Flut? Etwa 6 Stunden. Zeit für uns zu planen, wie wir den Wagen in 24 Stunden an die algerische Grenze bringen, da das Einreisefenster unserer Visa ablief.

Das Wasser erreichte schließlich das Armaturenbrett

und den Zündverteiler oberhalb des Motors. Das Motoröl wurde vom eindringenden Wasser durch die Bohrungen der entfernten Zündkerzen herausgedrückt, auf die gleiche Art verabschiedete sich der Inhalt des Benzintanks. – Das Wasser lief ab, Tang, Fische und Treibgut wurden aus dem Auto geschöpft. Die abgeschnittenen Sicherheitsgurte aus allen Autos zusammen mit anderem Tauwerk ergaben eine knapp 100 m lange Leine, der Wagen wurde auf das Festland gewuchtet.

Nachtschicht:

Anlasser, Lichtmaschine aus meinem Expeditionsfundus wurden eingebaut, ölige Sole aus den Zylindern mittels der Schläuche der Scheibenwaschanlage abgesaugt, Öl, und Kraftstoff eingefüllt. Morgengrauen: mit drei Batterien zündet der Motor zum ersten Mal, stotternd erklimme ich die Teerstraße, jetzt bloß den Motor nicht abwürgen. In der klebrig-salzigen Atmosphäre meiner französischen Autopolster nahmen wir langsam Fahrt auf, allerdings mangels Getriebeöls nur im zweiten Gang. Nachmittags, algerische Grenze: mürrisch, aber erwartungsvoll nehmen die Grenzer meine zerstörten Motorteile als „Geschenk“ an.

Alles gut, Franky, Ben und ich sind in Algerien! Und unser Bad hatten wir auch gehabt.

Christian von Schilling

Christian von Schilling

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